QM in der MedizinDr. med. Ulrich Paschen: Erfolgreiches Qualitätsmanagement medizinischer und wissenschaftlicher Dienstleistungen

Kann man Erfolg bei der Patientenversorgung messen? Und wenn ja, auf welche Qualitätsmerkmale kommt es an? Wie kann ein Qualitätsmanagement-System zu mehr Vertrauen der Patienten in die Leistungserbringer beitragen?

Dr. med. Ulrich Paschen: Erfolgreiches Qualitätsmanagement medizinischer und wissenschaftlicher Dienstleistungen

Die Revision der ISO 9001 ist für Dr. med. Ulrich Paschen, Geschäftsführer und Senior Consultant der IQ Institut für Qualität-Systeme in Medizin und Wissenschaft GmbH in Hamburg, ein bedeutender Meilenstein auch für Organisationen der Gesundheitsversorgung, die sich immer etwas schwer taten mit dem normengerechten Qualitätsmanagement. Einige Anforderungen werden neu gestellt, gleichzeitig werden viele Missverständnisse aufgeklärt. Jetzt ist alles auf die Prozesse orientiert – das sind die medizinischen Behandlungen. Um ihre Wirksamkeit, Sicherheit und Annehmbarkeit geht es. Und wie zuverlässig die Leistungen erbracht werden.

Welche Maßnahmen er für ein erfolgreiches Qualitätsmanagement medizinischer und wissenschaftlicher Dienstleistungen für besonders wichtig hält, lesen Sie in unserem Interview.


Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen Erfolg und Qualität?

Zwischen Qualität und Erfolg gibt es keinen geheimnisvollen Zusammenhang: Eine ärztliche Behandlung ist erfolgreich, wenn das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Da unterscheidet sich die Medizin nicht von anderen Dienstleistungen. Alle Produkte sind am Markt erfolgreicher, wenn sie die Bedürfnisse der Kunden erfüllen. Und das geht in der Medizin nur, wenn die Qualitätsmerkmale Wirksamkeit, Sicherheit und Annehmbarkeit beachtet werden. Ohne Qualität kein Erfolg.


Was trägt die ISO 9001: 2015 Revision zu mehr Wirksamkeit, Sicherheit und Annehmbarkeit der Medizin bei?

Die Revision berücksichtigt die Weiterentwicklung der QM-Technologie. Drei Punkte sind für uns besonders wichtig: Erstens haben medizinische und wissenschaftliche Einrichtungen schon immer das Wissensmanagement vermisst. Zweitens ist das Risikomanagement jetzt in das QM-System integriert. Damit ist das große Thema Sicherheit in der medizinischen Versorgung abgedeckt. Und zum Dritten wird das Verhältnis zu den vielen Diensten geklärt, ganz gleich, ob sie intern oder extern bereitgestellt werden.


Was hat die Branche im Arbeitsalltag von einem normengerechten Qualitätsmanagement?

Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen stecken viel Geld und Arbeit in die Transformation ihrer Organisation, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wir geben das Geld der Versicherten aus, weil wir Vertrauen bei den Patienten, ihren Angehörigen und den Kostenträgern schaffen wollen. Unsere Patienten dürfen dafür Qualitätsmanagement nach dem Stand von Wissenschaft und Technik und geprüfte Qualität bei allen Leistungen erwarten. Mit der Norm ISO 9001 und der bald überarbeiteten DIN EN 15224 haben wir eine Grundlage, die verlässlich, unabhängig und unmissverständlich ist. Ein solches QM-System wird überall anerkannt, nicht nur in Deutschland.


Lässt sich in der Gesundheitsversorgung Qualität überhaupt am Erfolg messen?

Woran sonst? Ärzte können den Erfolg ihrer Behandlungen nicht garantieren, aber sie lassen sich gerne am Ergebnis messen. Anders als bei materiellen Produkten sind medizinische Prozesse meist sogenannte „spezielle Prozesse“, an deren Ergebnis man Erfolg oder Misserfolg nicht unmittelbar ablesen kann. Auch dann, wenn alle Regeln befolgt wurden, muss mit einem Therapieversagen gerechnet werden. Deswegen ist Qualität in der Medizin nur schwieriger zu messen und zu prüfen, aber es geht. Das ist keine faule Ausrede, sondern macht deutlich, welch hohen Aufwand an Validierung und Verifizierung wir betreiben müssen. Wie will man das ohne Qualitätsmanagement hinbekommen?


Wie wird sich die Revision der ISO 9001 auf das QM in Organisationen der Gesundheitsversorgung auswirken?

Die DIN EN 15224 hat als spezifische Norm für Organisationen der Gesundheitsversorgung bereits viele Punkte berücksichtigt, die jetzt auch in der Revision der ISO 9001 erscheinen, wie das Risiko- und Wissensmanagement. Die Qualitätsmanager in den Organisationen haben für die meisten Abschnitte der Norm bereits ein branchenspezifisches Verständnis entwickelt. Die Attraktivität des normengerechten Qualitätsmanagements wird also zunehmen. Das ist gut so, denn trotz viel Privatinitiative bleibt die Gesundheitsversorgung eine zutiefst staatlich geregelte Branche. Qualitätsmanagement kann sich hier nur durchsetzen, wenn es auf dem neusten Stand ist.


Worauf müssen die QM-Verantwortlichen jetzt achten?

Auch die neue ISO 9001 bleibt für Organisationen der Gesundheitsversorgung schwere Kost. Ohne weiterführende Erläuterungen sind viele Anforderungen schwer verständlich. Die spezifische Norm DIN EN 15224 hat schon viele Punkte der neuen Norm berücksichtigt. Sie wird in absehbarer Zeit an die High Level Struktur angepasst werden, kann aber auch jetzt noch als ergänzendes Dokument gelesen werden. QM-Verantwortliche müssen nun den Umbau ihrer QM-Systeme einleiten. Das nächste Zertifikat sollte bereits die Konformität mit den neuen Anforderungen bestätigen.


Welche speziellen Tipps haben Sie für QM-Verantwortliche?

Risikomanagement ist der Anteil des Qualitätsmanagements, der sich mit dem Qualitätsmerkmal Sicherheit beschäftigt. Dazu haben wir bereits viele konkrete Ideen, können sie aber sicherlich noch ausbauen. Aber wissen wir schon, wie das Wissensmanagement aussehen sollte? Unsere Organisationen sind sich vergleichsweise ähnlich und wenig kompetitiv – nirgendwo liegt es so nahe, unsere Errungenschaften miteinander zu teilen. Von anderen zu lernen ist keine Schande und andere teilhaben zu lassen ein großes Verdienst.


Wie wichtig ist Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen im Vergleich zu anderen Branchen und warum?

Man sagt immer, dass die Patienten befähigt werden müssen, die Qualität der Leistungen selbst zu beurteilen. Das gelingt aber nur zum Teil. Die Bewertung medizinischer Leistungen kostet große Anstrengungen – dazu müssen wir stehen. Patienten haben – abweichend von anderen Kunden – keine freie Wahl am „Markt“. Sie müssen sich auf die Qualität der Leistungen verlassen können. Die unabhängige Überprüfung spielt deswegen eine zentrale Rolle, so wie bei Medizinprodukten und Arzneimitteln. Patienten können bei Nichtgefallen auf Produkte nicht verzichten oder sie einfach zurückgeben, wenn das Preis-Leistungsverhältnis nicht stimmt. Warum sollte die Solidargemeinschaft für Leistungen aufkommen, deren Qualität nicht überzeugend dargelegt wird? Wenn der Preis festgelegt ist, muss im Gegenzug die Qualität verlässlich sein.

Noch haben sich die Gesundheitspolitiker, Leistungserbringer und Kostenträger in der Gesundheitsversorgung nicht auf das normengerechte Qualitätsmanagement geeinigt – aber auf welches andere QM könnten sie die Beteiligten festlegen? Erkennen die interessierten Parteien erst, dass sie es nicht besser treffen können, werden sie das tun. Und dann kann es plötzlich sehr schnell gehen.

Veröffentlicht: September 2015

Dr-Ulrich-Paschen

Über Dr. med. Ulrich Paschen

Dr. med. Ulrich Paschen (geboren 1948 in Hamburg) ist seit Jahren als Berater und Auditor für Qualitätsmanagement-Systeme in der Gesundheitsversorgung tätig. Dort ist er verantwortlich für Projekte und Beratung zur Qualitätssicherung in Labor, Krankenhaus, ärztlicher und zahnärztlicher Praxis. Seine Weiterbildung zum Arzt für Chirurgie und Unfallchirurgie machte er im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona.

Von 1990 bis 1993 war er Leiter für Klinische Forschung und Qualitätsbeauftragter der MKL Laboratories GmbH.
Von 1994 bis 2003 war er mit dem Aufbau des Qualitätsmanagement-Systems im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beauftragt, das erste umfassende normengerechte QM-System in Deutschland.

In den Jahren 2002-2004 beriet er beim Aufbau von QM-Systemen im Universitätsklinikum Freiburg (Herz-Zentrum und andere Kliniken) und war von 2003 bis 2005 Leiter des Zentralbereichs Medizinische Synergien (Qualitätsmanagement, Medizin-Controlling) des Klinikums der Universität zu Köln.

Seit 2005 unterstützt er Organisationen bei der Einrichtung von QM-Systemen in Medizin, Labor und wissenschaftlicher Forschung durch Seminare, Audits und Begutachtung. Er war Mitglied des Spiegelgremiums des NAMed (Normenausschuss Medizin) zur DIN EN 15224:2012-12 bei DIN.

Dr. med. Ulrich Paschen ist verheiratet, hat sechs Kinder und lebt nach wie vor in der Hansestadt Hamburg.

Weitere interessante Artikel: