Unternehmensführung mit QualitätsmanagementISO 9001:2015 – Herausforderung unserer Zeit

Die Erfahrungen im Qualitätsmanagement der letzten 15 Jahre zeigen, dass die Zeit reif ist, Managementsysteme viel stärker aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu betreiben und in den Tagesprozess einzubeziehen.

Die nach ISO 9001:2015 geforderte konsequente Ausrichtung auf Risikobetrachtungen vermag Kundenbeziehungen nachhaltig zu verbessern, Prozesse effizient zu gestalten sowie Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Risikoorientierung bedeutet mehr als je zuvor die Konzentration auf das Wesentliche und betriebswirtschaftlich Sinnvolle.

Unternehmensführung in Anwendung der ISO 9001:2015 ist die Herausforderung unserer Zeit und wird zum Erfolgsmodell.

Im September 2015 wurde mit der ISO 9001:2015 eine der umfangreichsten Revisionen im Qualitätsmanagement vorgenommen. Die ISO 9001 gilt zudem als „Mutter aller Managementsysteme“ und gibt somit die Ausrichtung für alle ISO-Normen vor. Wesentliche Änderungen sind die einheitliche Struktur der Managementsysteme, auch „High Level Structure“ genannt, die Betrachtung des Kontexts einer Organisation, die Risikoorientierung neben Prozessausrichtung und Kundenfokus, die bereits Kerngrößen der ISO-Reihe waren. Eine der größten Errungenschaften der Revision ist die Übernahme der Verantwortung für den Erfolg der Integration des Qualitätsmanagementsystems in die tägliche Praxis durch die Geschäftsleitung. Nicht mehr der Qualitätsmanagementbeauftragte, sondern das Führungsgremium teilt die Verantwortung. Sie stellen in ihren täglichen Besprechungsrunden  die Weichen für die Einbindung der Kernelemente des Qualitätsmanagements in den Berufsalltag.

 

Mit den 2 neuen Abschnitten in der internationalen Norm

  • 4.1 Verstehen der Organisation und ihres Kontextes
  • 4.2 Verstehen der Erfordernisse und Erwartungen interessierter Parteien.

wird die Bestimmung jener Themen gefordert, die den Anwendungsbereich der Norm und damit die Planung des Qualitätsmanagementsystems beeinflussen.

 

Unter Kontext der Organisation interpretiert die Norm DIN EN ISO 9001:2015 wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die als interne und externe Faktoren Einfluss auf die Strategie der Unternehmen haben, so z.B.

Externe Faktoren:

  • Image des Unternehmens, Stellung in der Öffentlichkeit
  • rechtliche Rahmenbedingungen
  • soziökonomische Bedingungen
  • Stand des Unternehmens in der Wertschöpfungskette (z.B. Direktlieferant oder Subunternehmer)
  • Umgebungsbedingungen

 

Interne Faktoren:

  • Infrastruktur
  • Stand der Technik sowie Technologie
  • Altersstruktur der Belegschaft
  • Ausbildungsgrad der Beschäftigten
  • Organisationskultur

 

Interne Themen stützen sich u.A. auf Werte, Kulturwissen und die Leistung der Organisation.

Quellen für interne wie externe Themen sind

  • gesetzliche,
  • technische,
  • wettbewerbliche,
  • marktübliche,
  • kulturelle,
  • soziale und
  • wirtschaftliche Zusammenhänge.

 

Was können wir aus der Beschäftigung mit dem Kontext des Unternehmens lernen?

Jedes Unternehmen agiert in einem bestimmten Kontext. Diesen Kontext zu analysieren und die daraus resultierenden Anforderungen an die Organisation zu erkennen sowie auf diese zu antworten, stellt einen zentralen Ausgangspunkt für die strategische Ausrichtung des Unternehmens und dessen Qualitätsmanagementsystem dar. Bisher haben sich nur wenige Unternehmen in systematischer Weise mit ihrem Kontext auseinandergesetzt.

Eine Organisation, ein Unternehmen, eine wirtschaftliche Einheit steht in Wechselbeziehung zu anderen Organisationen oder interessierten Kreisen, dies nennen wir Kontext oder Beziehungsgefüge einer Organisation. Über die systematische Analyse des Kontextes werden Anwendungsbereich und Grenzen des Managementsystems klarer. Was sind rechtliche Erfordernisse, Kundenanforderungen, ggf. auch bindende Verpflichten? Was müssen wir als Organisation erfüllen, was ist eine freiwillige Performance? Sich darüber klar zu werden, besitzt auch eine betriebswirtschaftliche Dimension. Erkenntnisse aus der Bestimmung des Kontextes einer Organisation straffen Aktivitäten in der strategischen Ausrichtung, helfen beim Überleben in Krisen, da sie die Ausrichtung auf das Wesentliche fördern.

Interessierte Parteien sind jene, die direkt oder indirekt Anforderungen an Unternehmen stellen. Sie sind vom Unternehmen selbst zu identifizieren. Beispielsweise sind dies Mitarbeiter, Betriebsrat, Behörden, Kunden, Lieferanten und Dienstleister.

Je besser die Erwartungen dieser interessierten Parteien getroffen werden, desto größer stellen sich Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, Rechtskonformität und Image des Unternehmens am Markt dar.

Aus den Erfahrungen der letzten 15 Jahre seit Umstellung der „Mutter aller Managementsysteme“ auf mehr Prozeß- und Kundenorientierung im Jahr 2000 ist die Zeit reif, Managementsysteme viel stärker als bisher aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu betreiben und in den Tagesprozess einzubeziehen.

Vieles hatte sich automatisiert, so daß mit der konsequenten Ausrichtung der ISO 9001:2015 auf Risikobetrachtungen ein neuer Qualitätssprung gelingt.

Risikoorientierung bedeutet die Sondierung auf das Wesentliche und betriebswirtschaftlich Sinnvolle:

  • Wo stehen wir im Kontext unserer Unternehmung?
  • Welche Anforderungen werden aus dieser Sichtweise an uns gestellt?
  • Welche Prozesse im Unternehmen sind wirklich wichtig in Bezug auf den Kunden?
  • Welche Prozesse sind risikoreich und müssen abgesichert werden?
  • Wie werden sich Kundenwünsche und Markt perspektivisch entwickeln, und wie müssen wir unsere Prozesse danach gestalten? Sind neue Risiken damit verbunden?
  • Können wir diese mit den uns jetzt und perspektivisch zur Verfügung stehenden Ressourcen schultern?

Bereits seit dem Bekanntwerden der wesentlichen Inhalte und Änderungen der DIN EN ISO 9001:2015 wird in der Fachliteratur besonders häufig der Aspekt der Risikoorientierung beleuchtet. Während die einen bereits die Implementierung eines vollumfänglichen Risiko­managementsystems propagieren, sehen andere hierin keinen Änderungsaufwand. In diesem Spannungsfeld möchte die Autorin gern überzogene Vorstellungen hinsichtlich der Änderungsnotwendigkeiten eines bestehenden Qualitätsmanagement­systems zurücknehmen. Die DIN EN ISO 9001:2015 ist eine Qualitätsmanagementnorm. Mit der Ermittlung von Chancen und Risiken einer Organisation sind nicht jegliche Chancen und Risiken eines Unternehmens gemeint, sondern jene, die die Qualität der Produkte und Leistungen beeinflussen. Ein Risikomanagement an sich ist nicht gefordert.

Gleichwohl sind jene Chancen und Risiken zu ermitteln, die

  • maßgeblich für die Sicherstellung des Erfolgs des Qualitätsmanagementsystems sind,
  • unerwünschte Auswirkungen verhindern oder mindern und
  • eine fortlaufende Verbesserung des Systems bewirken sollen

Welche Chancen und Risiken dies im Einzelnen sind, ist wesentlich von der Größe, Art der Organisation und deren Kontext abhängig.

Als geeignete Methode für die Identifizierung von Risiken hat sich das Brainstorming mit Geschäftsleitung, Führungskräften und dem Stab für Qualitätsmanagement erwiesen. Insbesondere konnten mit dieser Methode die allgemeinen Risiken schnell und umfassend erkannt werden.

Der Prozess der Risikobewertung umfasst im Allgemeinen folgende Schritte:

  1. Aufstellen des Prozesscharts (Fließbild)
  2. Identifizierung der einzelnen Prozessschritte
  3. Ableitung der Risikofaktoren
  4. Bewertung der Risikofaktoren
  5. Ermittlung des Risikos
  6. Ableitung von Präventionsmaßnahmen zur Risikobeherrschung
  7. erneute Risikobewertung
  8. Festlegen der Korrekturmaßnahmen
  9. Ermittlung von Chancen

 

Produktbezogene Risikofaktoren sind beispielsweise:

  • Mängel in der Oberflächenbeschaffenheit
  • Spanfreiheit
  • Einhaltung von Maßtoleranzen
  • chemische Rückstandsfreiheit

Neben den direkt produktbeeinflussenden Risiken sind weitere Risiken zu betrachten, wie zum Beispiel:

Maschinen:

  • Ausstattungsgrad der Fertigung
  • Alter der Maschinentechnik
  • Genauigkeitsklasse der Bearbeitungsmaschinen

Prüftechnik:

  • dem Risiko angemessene Prüftechnik
  • qualifizierte Qualitätsprüfer
  • ausreichende Überprüfung der Prüftechnik (Kalibrierung, Eichung)
  • ausreichende Aufzeichnungsführung zu Prüfungen

Mitarbeiter:

  • Anteil der Leiharbeitnehmer
  • Anteil Fremdfirmenmitarbeiter
  • Anteil ausländischer Mitarbeiter mit Sprachbarrieren
  • Unterschiede in Kulturen
  • Bildungs-/Qualifikationsniveau

Somit ergibt sich folgendes prozessbezogenes Risikobewertungsschema:

Prozessschritt

Risikofaktor

Eintrittswahr-scheinlichkeit

Tragweite der Auswirkung

Ermitteltes Risiko*

Fräsen

Einhaltung Maßtoleranz

2

3

6

Skala: 1 = gering 2 = mittel 3 = hoch

Skala*: bis 3 = gering  bis 6 = mittel  über 6 = hoch

 

Prozesschritt

Präventions-maßnahme

Eintritts-wahr-schein-lichkeit

Trag-weite der Aus-wirkung

Risiko*

Korrektur-

maßnahme

Chancen

Fräsen

Kontrolle des CNC-Programms auf eingestelltes/ programmiertes Maß, Vergleich mit Zeichnung

Bemusterung Erstteil vor Serienproduktion durch QS

1

3

3

Änderung des Programms

Fehler wird beim 1. Teil erkannt, Fehlproduktion der Serien wird verhindert

Skala wie oben

In der zweiten Risikobewertung müsste sich bei geeigneter Präventionsmaßnahme das Risiko verringert haben , mindestens jedoch auf gleichem Stand verblieben sein.

Selbstverständlich ist die Form der Risikobewertung frei wählbar. Das oben angeführte Tableau stellt nur eine der möglichen Herangehensweisen dar.  

Aus der Risikobewertung werden auf systematische Art und Weise die wesentlichen Risiken ermittelt und alle notwendigen Vorbeugungs- und Korrekturmaßnahmen abgeleitet. Diese werden inhaltlicher Bestandteil der Anweisungen an die Mitarbeiter, wie an welcher Stelle des Leistungsprozesses zu verfahren ist.  Mit der Rangfolge der Risiken wird das Unternehmen seine Aktivitäten auf die Vermeidung der größten Risiken ausrichten und  an Effizienz gewinnen. Damit wird in der Anwendung der ISO 9001:2015 der Grundstein für nachhaltigen Unternehmenserfolg gelegt.

Qualitätsmanagement ist die Basis für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg. Das Buch Erfolgreiches Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001:2015 (kostenloser E-Book Ausschnitt) von Dr. Grit Reimann vermittelt eine Vielzahl praktischer Lösungen, mit denen die Anforderungen der Norm DIN EN ISO 9001:2015 in Unternehmen umgesetzt werden können.

Weitere interessante Artikel: